Traurige Topographien

Gefallenendenkmal in Vauquois

Gefallenendenkmal in Vauquois (Photo JB)

Wo findet der Weltkrieg statt? Darauf lassen sich viele, auch widersprüchliche Antworten geben – wir könnten nach den realen Orten suchen und uns um eine möglichst lückenlose Kartografierung bemühen, aber auch nach denen suchen, die auf die eine oder andere Weise ideologisch mit Wesen und Unwesen des Krieges zusammenhingen. Wir könnten aber auch sagen, dass Kriege insgesamt eine zeitweise, skandalöse Verschränkung von Orten bedeuten. Vom ehemaligen Verteidigungsminister der BRD, Peter Struck, hat sich bezüglich des Auslandseinsatzes der Bundeswehr in Afghanistan der Satz eingeprägt, dass „die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland […] auch am Hindukusch verteidigt“ wird. Gemäß dieser Logik werden Kriege an bestimmten Orten geführt, damit sie nicht an anderen Orten geführt werden müssen, um die es eigentlich geht. Das hat natürlich sehr reale Auswirkungen auf die Menschen, die auf die eine oder andere Weise am Krieg beteiligt sind – so haben auch im Ersten Weltkrieg die Soldaten aus Karlsruhe kaum in Karlsruhe gekämpft, sondern an ganz anderen Orten. Das unlängst abgebaute Leibgrenadierdenkmal auf dem Europaplatz verdeutlichte das mit einer Liste von den Schlachtfeldern der badischen Militäreinheit:

MÜHLHAUSEN / SAARBURG / PRIESTERWALD / FRICOURT / VERMELLES /   LORETTO / REIMS / CHAMPAGNE / SOMME / VERDUN / CAMBRAI / ST. QUENTIN / DAMENWEG / MARNE / MAAS

Wie die Leibgrenadiere kämpfte mein eigener Urgroßvater für das Kaiserreich bei Verdun, obwohl er als Schlesier einen noch viel weiteren Weg zur ‚Westfront‘ hatte als die Karlsruher Soldaten. Das Photo unten muss bereits nach Ausbruch des Krieges aufgenommen worden sein, denn der Urgroßvater hatte erst am 9. Dezember 1914 geheiratet und trägt hier bereits den Ehering – vielleicht also das letzte Photo in Zivil vor dem Abmarsch. Der Familienlegende nach verließ er die Front mit weißen Haaren; ihre Farbe hatten sie verloren, während er versuchte, einem verwundeten Kameraden die Eingeweide in den Körper zurückzudrücken. Ob er im Schützengraben das Gefühl hatte, die ‚Sicherheit‘ seiner über 1.000 Kilometer entfernten Heimat zu verteidigen, wissen wir nicht – schließlich ist mein Urgroßvater bereits seit 70 Jahren verstorben.

Alojzy Chrobok, 1887-1944 (Photo aus dem Familienarchiv)

Alojzy Chrobok, 1887-1944 (Photo aus dem Familienarchiv)

Weder Karlsruhe noch den Industriestädten Oberschlesiens ist der Erste Weltkrieg unmittelbar anzusehen. Ganz anders der Landschaft um Verdun, in der wir im Februar für Pauline Curnier Jardins Beitrag zu Mémoires perdues gefilmt haben. Landschaften sind nie rein ‚natürlich‘ – schließlich werden sie erst zur Landschaft, indem wir Menschen unseren Blick auf sie richten und sie in Gegensatz zu der vorwiegend durch unseren Gestaltungswillen geprägten Stadt stellen. Eine noch ‚unnatürlichere‘ Landschaft als die überwachsenen Schlachtfelder an der Meuse kann ich mir aber schwerlich vorstellen; hier gingen nicht nur Befestigungsanlagen, sondern ganze Dörfer in Bomben- und Minentrichtern unter, während die Kriegsgegner verzweifelt versuchten, den Stellungskrieg auszuhebeln und viele Meter tief in die Erde gruben, um mit Tonnen von Explosivmaterial von unten ihren Feind in die Luft zu sprengen. Heute sind die Krater grasbewachsen und beinahe pittoresk, als würde noch die Entscheidung ausstehen, ob es sich hier um eine Gedenkstätte oder ein Naturschutzgebiet handelt.

Bleibt gefährlich: Mörser bei Vauquois (Photo JB)

Bleibt gefährlich: Mörser bei Vauquois (Photo JB)

Ob sich die Pflanzenwelt auf irgendeine Weise an etwas ‚erinnern‘ kann, führt als Frage an dieser Stelle wohl zu weit (wenn über eine Sache „Gras gewachsen“ ist, was mag das dann für das Gras bedeuten?); aber wir können die sonderbaren Hügel und Verwerfungen kaum ohne den Gedanken anschauen, dass sie nicht weniger das Erzeugnis von Militärtechnik sind als von Erosion, und dass neben Regen und absterbenden Pflanzen vor knapp 100 Jahren auch das Blut Tausender Soldaten in die Bodensubstanz eingegangen ist.

Dreharbeiten auf dem Gelände von Fort Vaux bei Verdun (Photo JB)

Dreharbeiten auf dem Gelände von Fort Vaux bei Verdun (Photo JB)

Auf den Kriegslandschaften bei Verdun wird so bald nicht wieder gebaut werden – in Städten, so sehr sie vom Krieg betroffen sein mochten, sieht es anders aus. Dass sich am Ettlinger Tor in Karlsruhe, wo 1916 bei einem Bombenangriff 120 Menschen starben, heute wieder die Erde auftut, liegt glücklicherweise nur am U-Bahn-Bau; an den Tod aus der Luft gemahnt derweil eine der typischen Plaketten, wie sie in deutschen Städten gerne daran erinnern, dass in einem sonst wenig auffälligen Haus einst Goethe oder Napoleon zu Mittag aßen. Auf die Eingangsfrage, wo der Weltkrieg stattfand, können wir mit der Frage entgegnen, ob er – als Weltkrieg – überhaupt irgendwo nicht stattfand – und so kann an den Weltkrieg vielleicht weniger erinnert werden, indem wir einzelne Orte symbolisch überhöhen, sondern indem wir gerade an das unüberschaubare Geflecht der ‚Verortungen‘ denken, das in seiner Gesamtheit den Krieg ausmachte: wie es also geschehen konnte, dass mit französischen Bombern 1916 der Krieg direkt nach Karlsruhe kam, während ihn Karlsruher Soldaten – und, vielleicht im gleichen Schützengraben, auch einer aus dem fernen Schlesien – nach Verdun trugen. Und so kann es nicht anders sein, als dass ein Kunstfilm über den Krieg in Karlsruhe mitunter in einer menschgemachten Kraterlandschaft im Nordosten Frankreichs gedreht werden muss.

Friedlich verkratert - 2014 beim Ettlinger Tor (Photo JB)

Friedlich verkratert – 2014 beim Ettlinger Tor (Photo JB)

Wissen Sie noch von Familienangehörigen, die der Krieg ebenso quer über den Kontinent oder sogar darüber hinaus verschlagen hatte? Wir freuen uns über Ihre Erinnerungen – über das Kommentarfeld unten oder per eMail an info@memoiresperdues.de

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