Staunende Kontinente

„Für mich bitte das Stück da hinten, mit der schönen Kruste, äh, Küste“ – jeder der Herren der Alten Welt möchte etwas vom rohstoffreichen Kontinent abhaben. Die Aufteilung nach ihren Maßen – beschlossen mitunter auf der hier dargestellten, sogenannten „Kongo-Konferenz“ 1884 – wirkt bis heute als geopolitsches Trauma nach, in immer wieder aufflammenden Grenzkrisen und ethnischen Konflikten. Zeichnung von Adalbert von Rössler in Über Land und Meer, 1884 (Quelle: Wikimedia Commons)

„Für mich bitte das Stück da hinten, mit der schönen Kruste, äh, Küste“ – jeder der Herren der Alten Welt möchte etwas vom rohstoffreichen Kontinent abhaben. Die Aufteilung nach ihren Maßen – beschlossen mitunter auf der hier dargestellten, sogenannten „Kongo-Konferenz“ 1884 – wirkt bis heute als geopolitsches Trauma nach, in immer wieder aufflammenden Grenzkrisen und ethnischen Konflikten. Zeichnung von Adalbert von Rössler in Über Land und Meer, 1884 (Quelle: Wikimedia Commons)

Dieser Tage ist Karlsruhe flächendeckend behängt mit Plakaten zu einem Bühnenspektakel. Thema der Show, und – zweifach, mit Ausrufezeichen – auch dessen Titel: Afrika. Von einem „Kontinent des Staunens“ lesen wir auf den Plakaten, und davon, dass nun endlich „das legendäre Original“ nach Europa zurückkehre. Aus postkolonialer Sicht liest sich das wie ein subtiler Scherz: Gemeint ist zwar wohl, dass hier eine berühmte Show nach langer Welttournee wieder unserem Kontinent die Ehre erweist – aber ist nicht das exotisch-wilde „Afrika“ solcher Spektakel ohnehin in immer nur eine europäische Interpretation gewesen – und das „legendäre Original“ also eine Fantasie, die an ihren Ursprung zurückkehrt? In seinem grundlegenden Buch Orientalism von 1978 beschreibt der Historiker Edward Said, wie im 19ten Jahrhundert ein europäisches Bild des „Morgenlandes“ entstand.

Dieses Bild und die darin zu Tage kommenden Sehnsüchte und Ängste sagen zum einen mehr über dessen Erfinder aus als über die Orte und Kulturen, die das Bild bezeichnen sollte. Zum anderen war es aber auch ein Mittel der Macht: Ein gewaltsames Bild also, eines, dass es den ‚Anderen‘ unmöglich machen soll, sich, ihre Ideen und ihre Kultur selbst mitzuteilen. Die Erfindung dieses „Orient“ wurde gestützt durch die europäische Militärmacht: Das Recht des Stärkeren wurde zum Recht über die ‚richtige‘ Auslegung ganzer Kulturen, und dass dieses Recht bedenkenlos ausgeübt werden konnte, wurde durch die Erzählungen über die rückständigen, schwachen ‚Anderen‘ legitimiert – ein brutaler Zirkelschluss. Obwohl Said über den Nahen und Mittleren Osten schrieb, passt diese Logik selbstverständlich auch auf Afrika. Die Bühnenshow in 2014 mag nur noch ein skurriles Echo dieser Erfindung der ‚Anderen‘ sein, und stellt uns vor allem vor die Frage, welche Sehnsüchte solche bunte Exotik in unserer eigenen Gesellschaft stillen soll. Im Zeitalter der Imperialismus drang Afrika als europäische Erfindung auf ganz andere Weise in die Wirklichkeit ein – mit dem Lineal auf der Karte wurden auf dem Kontinent neue Grenzen gezogen, Länder ‚erschaffen‘ und benannt, ohne Rücksicht auf die vorhandenen Regionen, Kulturen und Gemeinschaften – schließlich war es das Vorrecht des zivilisierten weißen Mannes, über die Weltkarte zu gebieten (was versteht der ‚Wilde‘ auch schon von Geopolitik?).

Heia, Safari: Die Jagdausstellung 1903 zeigte nicht nur allerlei Trophäen, sondern führte dem bürgerlichen Publikum das Jägerdasein als einen waghalsigen, herrschaftlichen Lebensstil vor. (Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe / 8 PBS XII 231)

Heia, Safari: Die Jagdausstellung 1903 zeigte nicht nur allerlei Trophäen, sondern führte dem bürgerlichen Publikum das Jägerdasein als einen waghalsigen, herrschaftlichen Lebensstil vor. (Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe / 8 PBS XII 231)

Der Erste Weltkrieg ist nicht ohne den Hintergrund des Imperialismus zu denken – einer Weltvorstellung, in der Gewalt und aus Eingebildetheit entspringende Einbildungen die Grundgedanken der Zivilisation verdarben. Wie anders ist eine perverse Wortschöpfung wie die der „Schutztruppe“ zu verstehen, mit der diejenigen Einheiten des kaiserlichen Militärs bezeichnet wurden, deren Rolle doch letztendlich die Eroberung und Unterdrückung ferner Weltteile war? Die Geschichte des Ersten Weltkrieges jenseits seiner Fronten in Europa ist so von uns nicht nur durch 100 Jahre, sondern zudem noch durch den verzerrten, fantastischen Blick dieser Zeit auf die „Fremde“ geprägt. 1914 waren Leben und Menschen aus Afrika in Karlsruhe vor allem als Karikatur und Kuriosum bekannt (auch Zirkusgründer Hagenbeck wurde zuerst durch sogenannte Völkerschauen bekannt, in denen Menschen aus anderen Kulturen ‚ausgestellt‘ wurden); der weltweite, oft ausbeuterische Warenverkehr hingegen verlief noch nicht auf eine derart unsichtbare Weise wie zu Zeiten der Globalisierung: was heute im Supermarkt wie selbstverständlich zwischen anderen Waren liegt, fand sich damals oft nur im Kolonialwarenladen. Im Rahmen von Mémoires Perdues wollen wir versuchen, den unterschiedlichen – ganz alltäglichen oder geradezu legendären – Verwicklungen Karlsruhes in den Kolonialismus auf die Spur zu kommen.

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