Registraturfragmente eines Vagen Krieges

Otto Dix‘ „Selbstbildnis als Mars“ entstand während seiner militärischen Ausbildung – ein Jahr nach der Kriegserklärung. Dieses Bild wird in der Video-Installation des Kollektivs zu einer formalen Grundlage für einen digitalen, immersiven Raum – einem Kaleidoskop kollektiver Geschichte, in dem bestimmte Momente des Kriegs als prägend für unsere Gegenwart hervortreten.

Während heute beispielsweise in der Modewelt das Bild der toten Frau als absatzträchtige Ikone eingesetzt wird, wurden während der Versailler Verhandlungen die Gueules Cassées – entstellte Kriegsveteranen – vorgeführt, und verliehen der Vertragsunterzeichnung einen traumatischen Aspekt.

Diese Schere in der Darstellung des Todes wird zur Grundlage einer Untersuchung, in deren Verlauf die Künstlerinnen selbst Studien gemäß der Gueules Cassées vornehmen, um über die Verläufe von Repräsentation, der Fetischisierung des toten weiblichen Körpers und Genderkonstruktionsprozessen in Kriegssituationen zu berichten.

Still aus "Registraturfragmente eines Vagen Krieges"

Still aus “Registraturfragmente eines Vagen Krieges”

Ein Auszug aus dem Drehbuch von Seraphine Meya und Lene Vollhardt:

„Dem normativen System der Marktwirtschaft ist es egal, wie wir uns sehen, ab als Mann oder Frau, oder dazwischen, so lange wir nur genügend konsumieren und als Humankapital verwertbar sind. Frauen müssen, um dem Bild zu entsprechen, das die Öffentlichkeit ihnen vorhält, eine Menge konsumieren. Anti-Aging empfiehlt sich ab dem 25. Lebensjahr, denn nur so ließe sich gewährleisten, dass ein Teil der jugendlichen Frische bis zum 60. Lebensjahr konserviert bliebe. Eine Art Mumifizierung ist also das Mittel der Wahl, damit Frauen, die seit dem 16. Lebensjahr dem Schönheitsideal der Vogue nacheifern, mit 60 vielleicht dort angekommen sind. Mummy und Mummy sind im englischen nicht umsonst das gleiche Wort. Diese gedankliche Spielerei ist auch gar nicht so abwegig, angesichts der Darstellung schöner Frauen in den Medien. Nick Cave feierte 1995 in seinem Song ‚Where the wild roses grow‘ die wunderschöne Wasserleiche von Kylie Minogue mit dem Spruch ‚all beauty must die‘. Ein besonderer Reiz geht von schönen, weiblichen Leichen aus. Erst kürzlich war in einer Werbekampagne von Marc Jacobs eine düstere Mondlandschaft das Bühnenbild, auf dem sich zwei Zombies und eine Leiche tummelten. Miley Cyrus spielte mit depressiver Mimik überzeugend einen hochmodischen Zombie, neben ihr lag vollkommen leblos, Strähnen der roten Haare im Gesicht, ein schönes Wesen auf dem Boden, die Haut schimmert bläulich weiß, das feine Gewand unbefleckt und prachtvoll. Die Leiche nimmt hier einerseits eine Art Totem-Funktion an, wie sie Elisabeth von Samsonov beschreibt: Sie ist die Leere, in die alle Projektionen überfließender Seelen fließen können und die seelenhaftes oder göttliches in sich aufnehmen kann und so Gemeinschaft begründet. Andererseits wird die Frau zu einem Objekt, sie wird vollkommen dekonstruiert, ihrer weiblichen Fruchtbarkeit durch den Tod beraubt und funktional nutzbar gemacht. Sie wird zu einem Design-Objekt – ihre Funktionalität wird durch ihre Schönheit unterstrichen.“

Still aus "Registraturfragmente eines Vagen Krieges"

Still aus “Registraturfragmente eines Vagen Krieges”

In unserer Recherche zum Frauenbild, das während des ersten Weltkrieges vorherrschte, stießen wir auf das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg, das wir am 17.04.2014 besuchten. Die Historiker Eibe-Marlene Gerdes und Dr. Michael Fischer gaben uns Einblicke in das Archiv für Kulturproduktionen des ersten Weltkrieges, welche etwa 3.000 Gedichte sowie 3.000 Lieder umfasst. Neben Zeitungsartikeln wurden seit der Gründung im Jahre 1914 Feldpostkarten, Sheet Music und Zeitungen archiviert und ausgewertet. Die auf zunächst nationalen Interessen begründete Institution veränderte ihre Ausrichtung im Jahre 1953, als sie an das Land Baden Württemberg übergeben wurde.

Ein Zusammenschnitt des Interviews wurde am 23./24.05.2014 im Prinz-Max-Palais gezeigt. Hier ein Ausschnitt aus dem Interview:

„Im 18ten Jh. sucht man die deutsche Nationalkultur und findet den Bürger nicht nur als Adressat, sondern auch als Produzenten von Kultur. An den Kriegsproduktionen haben sich seit Beginn des ersten Weltkrieges auch Frauen beteiligt, auch mit hohen Auflagen. Die Auseinandersetzung mit dem Opfer ist darin eine durchaus ambivalente. Kriegslyrik ist durchaus nicht immer affirmativ.“

Noten im Volksliedarchiv

Noten im Volksliedarchiv

„Im Krankenschwester-Ideal findet man das Bild des ‚aktiven Opfers‘. Da macht sich eine Frau, und das hatte damals einen positiven Wert, zum Opfer, in dem sie ihre beruflichen Möglichkeiten als auch familiären Verpflichtungen aufgibt – für das Vaterland, indem sie kranke und sterbende Soldaten pflegt. Damit entspricht sie dem damals gängigen Frauenideal und wird nicht in Frage gestellt. Ihr Handeln entspricht den gesellschaftlichen Vorstellungen von weiblichen Handeln, es ist kein Eindringen in die Männliche Sphäre – anders ist es im Falle der Etappenhelferinnen gewesen. Als aktiver Teil des Militärischen Apparates ist jeder Soldat irgendwann mit ihnen konfrontiert worden. Sie wurden durchaus als Bedrohung dieses Männlichkeitshabitus wahrgenommen. Als Folge dessen wurden sie sexualisiert dargestellt.“

„Generell kann man sagen dass die religiöse Thematik als Vorbild für die realen Frauen verwendet wurde um das richtige Trauern zu vermitteln. Da wird eine Verhaltensdidaxe aufgestellt, in der man wie Maria seinen eigenen Sohn betrauert, der im Krieg gefallen ist. In der Überhöhung wird dieses auch auf die ganze Nation übertragen. Mit der Marienfiguration wird über den Opferbegriff Sinnhaftigkeit hergestellt. Hier wird affirmiert, dass das Martyrium der größte Liebesbeweis sei. Dieses Schema wird in der Kriegslyrik säkularisiert.“

 

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