Nebensaison

Die "Deutsche" Nationalmannschaft? Photo: Philip Metz

Die “Deutsche” Nationalmannschaft? Photo: Philip Metz

Das Kulturbüro Karlsruhe lud mich ein, eine Arbeit zu entwickeln, die sich mit dem dunklen ersten Weltkrieg auseinandersetzt. Dieses Gedenken an 100 Jahre Kriegsbeginn nahm ich zum Anlass, mich mit der deutschen Präsenz in Afrika auseinanderzusetzen: In Folge des Ersten Weltkrieges verlor Deutschland all seine Kolonien. Es ist vermutlich eine Konsequenz des Zweiten Weltkrieges und der Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der Geschichte, dass in Deutschland nie eine Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und eine Herstellung der Zusammenhänge stattgefunden hat. Diese Tatsache empfinde ich als blinden Fleck in der deutschen Geschichtsschreibung und daher als ein wichtiges Thema für eine künstlerische Auseinandersetzung im öffentlichen Raum.

Im 19. Und 20. Jahrhundert war Kamerun sowohl deutsche als auch französische und englische Kolonie. Während des Ersten Weltkrieges fanden auch zwischen den Kolonien Kriege statt; sie wurden gezwungenermaßen mehrheitlich von Kamerunern geführt wurden, die somit stellvertretend für die deutsche, französische oder englische Nation ihr Leben ließen.

Zu diesem Thema werden im Mai 2014 zwei Projekte in Karlsruhe entstehen: Ein Kriegerdenkmal für den „Unsichtbaren Helden“, zu Ehren der auf diesem „Nebenschauplatz“ ums Leben gekommenen afrikanischen Soldaten, und ein Public Viewing von einem in Kamerun aufgezeichneten Fußballspiel. Das Spiel findet zwischen zwei Mannschaften Kameruner Spieler statt, von denen jedoch eine Mannschaft französische Trikots und die andere das der deutschen Nationalmannschaft trägt. (PM)

 

Das Denkmal für die im Ersten Weltkrieg getöteten Soldaten in Douala, der wichtigsten Metropole und einstigen Hauptstadt Kameruns, ist Vorbild für die Installation von Philip Metz, die ab dem 17ten Mai am Lidellplatz zu sehen sein wird. Photo: Philip Metz

Das Denkmal für die im Ersten Weltkrieg getöteten Soldaten in Douala, der wichtigsten Metropole und einstigen Hauptstadt Kameruns, ist Vorbild für die Installation von Philip Metz, die ab dem 17ten Mai am Lidellplatz zu sehen sein wird. Photo: Philip Metz

Biographie

Von den dreien, die für „Mémoires Perdues“ eingeladen wurden, hat Philip Metz den direktesten Bezug zur Region: Geboren in Heidelberg, ist er in der kleinen Gemeinde Sasbachwalden aufgewachsen, mitten im Schwarzwald zwischen Baden-Baden und Offenburg. Seine Arbeit weist allerdings weit über Deutschland hinaus, und meistens wieder zurück: Ein wichtiges Thema in seinem Werk ist die (deutsche) Kolonialgeschichte, die er in unterschiedlichen künstlerischen Medien und Projekten aufgreift. Sein Umgang mit Geschichte beschränkt sich allerdings nicht auf Archivarbeit; Projekte wie „Adler Afrika“ und die beiden Arbeiten, die in Karlsruhe zu sehen sein werden, betreffen das Nachleben der Kolonialherrschaft in afrikanischen Ländern ebenso wie ihr Verschweigen im europäischen Selbstbild. Wenn Philip Metz gleichsam zwischen den Kontinenten seine Projekte entwickelt, nimmt er – bisweilen humoristische – Missverständnisse während der Übertragung in Kauf; schließlich sind es gerade diese Momente, an denen Brüche zwischen den Gesellschaften sichtbar werden, und zugleich ungeahnte kreative Kräfte freigesetzt werden. (Jacob Birken)

2 Kommentare zu “Nebensaison”

  1. Jürgen Sickinger schrieb …

    Schade, dass ausgerechnet das Kulturamt der Stadt Karlsruhe so lax mit den Stadtteilbezeichnungen umgeht. Der Lidellplatz gehört schon immer zur Altstadt. Diese Bezeichnung ist auch ein Stück Stadtkultur!
    Jürgen Sickinger, Vorsitzender Bürgerverein der Südweststadt u. Stellvertr. Vorsitzender der Aarbeitsgemeinschaft Karlsruher Bürgervereine

    • Jacob Birken schrieb …

      Sehr geehrter Herr Sickinger, danke für Ihren Kommentar! Das ist uns bei der Redaktion des Hefts tatsächlich durch die Lappen gegangen – da hat unsere Autorin wohl den Osten der Innenstadt flugs auf die Himmelsrichtung reduziert.

  • (will not be published)