Blutbad Parade

Bei den Dreharbeiten.Photo: Laura Morcillo

Bei den Dreharbeiten. Photo: Laura Morcillo

100 Jahre nach dem großen Krieg ist der Zirkus wieder in der Stadt. Er hat Geschichte mitgebracht – seine eigene (warum sein Gastspiel heute nur noch ein Spuk ist), und die seiner lange vergangenen, von niemandem Lebenden mehr erinnerten Zeit (einer widersprüchlichen Aufbruchs- und Untergangsstimmung, in der das Reaktionäre, Rückwärtsgewandte und die Träume einer besseren Zukunft gemeinsam in die Katastrophe führten). Pauline Curnier Jardins Film, gedreht in Karlsruhe und Verdun an sehr unterschiedlichen ‚Originalschauplätzen‘ des Ersten Weltkrieges, greift die historischen Ereignisse in der Stadt und an der Front auf und verwebt sie zu einem doppelbödigen Spektakel im Zirkuszelt. In den ‚Zirkusattraktionen‘ erkennen wir Archetypen (oder menschgewordene Hirngespinste) der Kaiserzeit wieder: Dr. Ammoniak könnte der Karlsruher Professor, Nobelpreisträger und zeitweise gesuchte Kriegsverbrecher Fritz Haber sein, der im Krieg das Giftgas waffentauglich machte; Naum Gabok, der konstruktivistische Inuit, steht für die „Exoten“ ein, die als menschliche Ausstellungsstücke in der Frühzeit des Zirkusgeschäfts den Kolonialismus zur Familienunterhaltung umdeuteten (wovon noch heute so manches Zootier ein Lied brüllen könnte). Die Kinder schließlich, die in der Manege ihre Kunststücke vorführen: sie könnten die Gespenster der Kinder sein, die am Fronleichnam im Juli 1916 zu Tode kamen, als ein französischer Bombenangriff neben einem Zirkuszelt an der Ettlingerstraße sein ursprüngliches Ziel – den schon seit einigen Jahren von dort verlegten Karlsruhe Hauptbahnhof – verfehlte. Der Zirkus, ob seine ‚Attraktionen‘ wollen oder nicht, ist wieder in der Stadt – es bleibt abzuwarten, wie die Stadt darauf reagieren wird. (Jacob Birken)

Pauline Curnier Jardin und Chris Imler bei den Dreharbeiten

Pauline Curnier Jardin und Chris Imler bei den Dreharbeiten. Photo: Laura Morcillo

Biographie

*1980 in Marseille (FR), lebt und arbeitet in Paris (FR)

In ihren Zeichnungen, Performances, musikalischen Kollaborationen, Installationen und filmischen Arbeiten greift Pauline Curnier Jardin häufig auf historische oder mythologische Stoffe zurück, die sie unter ihre eigene, nicht selten bizarr anmutende Ästhetik stellt. Mit den Mitteln des Theaters haucht sie etwa anthropologischen Objekten, Fundstücken und Bildern Leben ein, um sie zu altruistischen Protagonisten der von ihr geschaffenen, eigentümlichen Abenteuer und Universen zu erheben. Zugleich interessiert sich die Künstlerin insbesondere für Frauenfiguren aus Mythologie, Geschichte, Folklore und Kino – um deren stereotype Darstellungsweise als Heilige, Hexe, Mutter oder Mystikerin zu dekonstruieren. Grundsätzlich sucht Curnier Jardin in ihrer multimedialen künstlerischen Herangehensweise eine Logik der Trennung von Realität und Fiktion, Rationalität und Emotion, Mann und Frau, Freund und Feind, Menschen und Dingen, Sakralem und Profanem zugunsten neuer produktiver Verbindungen, alternativer Denkmuster und hybrider Seinsweisen zu überwinden.

Pauline Curnier Jardin war bei zahlreichen internationalen Ausstellungen vertreten, u.a. am MIT List Visual Arts Center, Cambridge, Massachusetts (solo), bei der PSM Gallery, Berlin (solo), am Musée d’Art Moderne, Paris, am Palais de Tokyo, Paris, am ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe und am Centre Georges Pompidou, Paris. (Antonia Marten)

Keine Kommentare zu “Blutbad Parade”

  • (will not be published)