Memoires Perdues

Frau Dr. Asche, was sollte uns in diesem Frühjahr in Erinnerung bleiben?

Es gibt Ereignisse und Persönlichkeiten der Geschichte, die über lange Zeiträume hinweg in Erinnerung bleiben oder bleiben sollen. Meist werden zu diesem Zweck Denkmäler im öffentlichen Raum errichtet. Oder die Ereignisse und Persönlichkeiten bleiben durch ihre Grabmale im öffentlichen Gedächtnis wie zum Beispiel die ägyptischen Könige Cheops und Chephren, deren Beispiel für das Grabmal des Gründers der Stadt Karlsruhe, Markgraf Karl-Wilhelm, Schule machte.

Eine weitere Möglichkeit, die zu Erinnerungszwecken genutzt wird, ist es, Straßen und Plätze nach Frauen und Männern zu benennen, die sich in der Vergangenheit um das Gemeinwesen verdient gemacht hatten. Doch nur zu oft geraten die Beweggründe für die Benennung in Vergessenheit und die Namensgeber sind als Personen nicht mehr erinnerbar. Der Kontext, der Zusammenhang, zum Ursprung der Namensgebung der Örtlichkeit, ist aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.

Dr. Susanne Asche ist seit 2008 Leiterin des Karlsruher Kulturamts.

Dr. Susanne Asche ist seit 2008 Leiterin des Karlsruher Kulturamts.

Der Erste Weltkrieg, an dessen Beginn 1914 in diesem Jahr landauf landab, erinnert wird, gehört zu jenen Ereignissen, die heute kaum mehr im Gedächtnis sind und wenn, dann lediglich als Schulbuchwissen. Selbst tragische Geschehnisse sind nicht nachhaltig im kollektiven Gedächtnis der Karlsruher geblieben. Wer weiß denn heute noch, wenn er südwestlich des Ettlinger Tores über die Ettlinger Straße Richtung Stadtgarten flaniert, dass hier vor 98 Jahren bei einem Bombenangriff 1916 über einhundert Menschen bei einem Zirkusbesuch getötet und zahlreiche verletzt wurden? Sicher weist eine Erinnerungstafel auf dieses tragische Ereignis hin, so wie an vielen Stellen in unserer Stadt an den Ersten Weltkrieg und seine militärischen und zivilen Toten erinnert wird. Doch werden diese Gedenkstätten im Alltag wahrgenommen? (Dies mag auch daran liegen, dass die Geschehnisse der Zwischenkriegszeit und des Zweiten Weltkrieges die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg fast erdrückt haben.)

An dieser Stelle setzen „Mémoires perdues“ an. Das vom Kulturamt initiierte Kunstprojekt will „Vergessene Erinnerung(en)“ wach rufen. Erinnerungen, die im Stadtraum vorhanden sind, aber im Alltagsleben nicht als solche wahrgenommen werden. Mit zeitgenössischen künstlerischen Mitteln erkunden Pauline Curnier Jardin (Paris), Basim Magdy (Basel, Kairo) und Philip Metz (Berlin), Karls­ruhe einhundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges nach Überresten, die in der Stadt daran erinnern. Welche Gebäude stehen zum Beispiel in Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg? Welche Bedeutung hatten sie damals? Wie werden sie heute genutzt? Welche Umdeutung haben sie erfahren? Beim Gebäude des ZKM ist vielen noch bekannt, dass es während des Ersten Weltkrieges als Munitionsfabrik gebaut wurde. Aber gibt es die Kenntnis der ersten Nutzung auch über das Gebäude des Finanzamtes in der Moltkestraße? Dessen ursprüngliche Funktion als einzige preußische Kadettenanstalt außerhalb Preußens scheint fast ganz aus dem Gedächtnis der Karlsruher Bevölkerung verschwunden.

Die Macher der „Mémoires perdues“ haben vieles recherchiert und auch Bürgerinnen und Bürger der Stadt nach ihren Erinnerungen befragt, zumal nach solchen, die nur mündlich innerhalb der Familien überliefert sind. Pauline Curnier Jardin, Basim Magdy und Philip Metz geben uns durch und mit ihren Arbeiten während der 22. Europäischen Kulturtage 2014 zahlreiche Gelegenheiten, in die Geschichte Karlsruhes in jenem fatalen Sommer 1914 und die der folgenden Jahre einzutauchen. A propos: Die Doppelausstellung des Stadtmuseums im Prinz-Max-Palais und im Pfinzgaumuseum „Der Krieg daheim“ bietet weitere Möglichkeiten, tief in den Alltag vor 100 Jahren einzutauchen.

Vieles aus der Vergangenheit wird den Gästen der Europäischen Kulturtage durch das Kunstprojekt „Mémoires perdues“ in Erinnerung gerufen. Und es wäre zu wünschen, dass einiges davon, gerade auch im Zusammenwirken beider Zugriffe – durch zeitgenössische Künstler wie durch historische Aufarbeitung in beiden Häusern unseres Stadtmuseums – im kollektiven Gedächtnis der Fächerstadt langfristig gespeichert würde.

Mein Dank gilt allen Beteiligten, die es mit ihrer Arbeit, ihrem Können und ihren Ideen möglich machen, mehr über Karlsruhe zu erfahren. In diesem Sinne wünsche ich den Präsentationen und dem Begleitprogramm der „Mémoires perdues“ im U-Max des Prinz-Max-Palais und in der Kinemathek viele Besucherinnen und Besucher, die neugierig darauf sind, Karlsruher Vergangenheiten mit zeitgenössischen künstlerischen Mitteln zu erkunden und in einen regen Austausch miteinander zu treten.

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