M 8 x 57 IS

„Zum Kaffeekochen ist keine Zeit, denn die Morgenkühle muss zum Marschieren ausgenutzt werden.“

„… der Anblick der Wasserstellen. Hier fanden sich oft mehrere hundert Wasserlöcher nebeneinander, an denen sie stellenweise bis zu 40 m tief gegraben hatten, ohne Wasser zu finden.“

„(…) wie ein halb zu Tode gehetztes Wild war er von Wasserstelle zu Wasserstelle gescheucht, bis er schließlich willenlos ein Opfer der Natur des eigenen Landes wurde. Die wasserlose Omaheke (Wüste) sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes.“ (Die Kämpfe der deutschen Truppen in Südwestafrika; in: Der Feldzug gegen die Hereros, Berlin 1906)

Natalia Schmidt: M 8 x 57 IS, Deutschland, 2014. Projektionsinstallation mit einer original M-8-57-IS-Patrone für K-98-Gewehre, wie sie ab 1904 in der DWM (Deutsche Waffen und Munitionsfabriken) in Karlsruhe produziert wurde und bereits im kolonialen Deutsch Südwest Afrika (heutiges Namibia) im Krieg gegen die Herero und Nama zum Einsatz kam, als auch im 1. und 2. Weltkrieg.

M 8 x 57 IS, Deutschland, 2014. Projektionsinstallation mit einer original M-8-57-IS-Patrone für K-98-Gewehre, wie sie ab 1904 in der DWM (Deutsche Waffen und Munitionsfabriken) in Karlsruhe produziert wurde und bereits im kolonialen Deutsch Südwest Afrika (heutiges Namibia) im Krieg gegen die Herero und Nama zum Einsatz kam, als auch im 1. und 2. Weltkrieg.

Von den um 1904 auf ca. 100.000 Personen geschätzten Hererovolk lebten 1911 nur noch 15.130 Menschen. Auch 110 Jahre später, in einer Erklärung vom 21.08.2012, erkennt die Bundesregierung die systematische Vernichtung von ca. 65.000-85.000 Herero und 10.000 Nama unter freiem Himmel und in Konzentrationslagern juristisch nicht als Völkermord an.

Beim Lesen dieser Quellen versiegte schlicht mein Durst auf Kaffee. Der Gedanke, dass sich damals ganz Europa im kollektiven Kaffeerausch befand, während man die Herero und Nama gezielt in der Wüste verdursten ließ, verdarb mir jeden weiteren Schluck.

Aufgrund der Tatsache, dass sowohl die M 8 x 57 IS Patrone ab 1904 in Karlsruhe hergestellt wurde und Prinz Max von Baden zu dieser Zeit vermutlich viel Kaffee auf der Terrasse des Prinz Max Palais trank, während er politische Entscheidungen traf (vor allem im Jahr 1918) und sich heute auch ein Café in diesem Hause befindet, fragte ich mich wie sich ein sensitiver Bezug zu historischen aber auch aktuellen Tatsachen herstellen lässt, dessen Dimensionen bis heute spürbar sind.

Blick auf die Terrasse des Prinz-Max-Palais (Photo: Natalia Schmidt)

Blick auf die Terrasse des Prinz-Max-Palais (Photo: Natalia Schmidt)

Auch wenn Kaffee heute offiziell kein „koloniales“Gut mehr ist, so spiegeln sich doch dieselben global-ethischen Dissonanzen und Handlungsmuster in der möglichst billigen westlichen Gier unseres to go lifestyles wieder, welche nicht nur zu einer materiellen Not der Menschen in verschiedenen (afrikanischen) Ländern führt, sondern den Treibhauseffekt zuallererst mitproduziert und diejenigen, die am wenigsten zur Verursachung dieser existenziellen Bedrohung beigetragen haben, verdursten lassen wird.

So roch es dann in der Nähe der Patrone im Untergeschoss des Prinz Max Palais nach Kaffee, während man auf der Terrasse darüber einen historischen Platz (hier saß der Prinz) einnahm und auf Kaffeekarten Hintergründe zum Drama in der Omaheke-Wüste als auch zu einem aktuellen Verbrechen von Land Grabbing in Uganda lesen konnte, welches am 18.08.2001 vom Hamburger Kaffeekonzern Neumann veranlasst wurde.

Installationsansicht um U-Max des Prinz-Max-Palais (Photo: Natalia Schmidt)

Installationsansicht um U-Max des Prinz-Max-Palais (Photo: Natalia Schmidt)

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