Der verirrte Tod

Ein Schnappschuss, dessen Details wir deutlicher nicht sehen wollen würden: Die Ettlinger Straße kurz nach dem Angriff. (Quelle: Städtische Galerie / 8 PBS oVI 85)

Ein Schnappschuss, dessen Details wir deutlicher nicht sehen wollen würden: Die Ettlinger Straße kurz nach dem Angriff. (Quelle: Städtische Galerie, Stadtarchiv / 8 PBS oVI 85)

Am 22. Juni 1916 flog eine Einheit französischer Flugzeuge einen Angriff auf Karlsruhe; ihre Bomben fielen an der Ecke von Kriegs- und Ettlingerstraße. Eigentlich, so die Aussage der Flieger, hätten sie den kriegswichtigen Karlsruher Bahnhof treffen sollen; nur war dieser seit bereits drei Jahren einige hundert Meter nach Süden verlegt worden, und auch der alte Bahnhof – am Ort des jetzigen Staatstheaters – wurde nicht getroffen. Die Bomben fielen also auf die Straße, genauer gesagt in eine Menschenmenge, die durch die nahenden Flugzeuge – damals noch eine seltene Sicht – aufgeschreckt oder betört aus dem dort aufgestellten Zelt des Zirkus Hagenbeck geströmt war. 120 Menschen starben, darunter 71 Kinder. Die durch den Zirkus Hagenbeck 1955 zusammengetragenen Berichte von Überlebenden – einige haben wir in Ausschnitten in dieser Zeitung abgedruckt – lesen sich heute wie ein Querschnitt durch das kindliche Leben in Karlsruhe, geordnet nach Klassen und Familienverhältnissen; sie lesen sich aber auch als ungeschönt blutige, mitunter groteske Mitteilungen über ein Ereignis, auf das durch nichts vorbereitet wurde, und das durch keine Logik zu erklären war.

Diese Geschichte ist wohl die eindrücklichste, die über den Ersten Weltkrieg in Karlsruhe erzählt wird; als ich sie zum ersten Mal hörte, kam sie mir noch beinahe wie erfunden vor. Historische Ereignisse – bei denen zudem noch Menschen zu Tode gekommen sind – wie literarische oder filmische Stoffe zu interpretieren ist unzumutbar, aber bei diesem Ereignis können wir uns kaum dagegen wehren, es vor dem Hintergrund der Metaphernfelder von Zirkus und Krieg zu betrachten: Auf der einen Seite ein Ort kindlichen Staunens und Freude, aber auch einer Inszenierung der Gefahr und des Abenteuers; auf der anderen eine unkontrollierbare Maschinerie der Gewalt, die aber zu gerade dieser Zeit von vielen herbeigesehnt wurde, um endlich die verkalkten, öden Strukturen von Kaiserzeit und Bourgeoisie hinwegzufegen.

Eine Illustration des Künstlers Erich Gruner zeigt die französische „Marianne“ im Verbund mit dem Sensenmann, und versetzt den Bombenangriff noch mit einem biblischen Motiv: „Die ‚Menschlichkeit‘ der Entente: Der Karlsruher Kindermord“, so der Titel. (Quelle: Stadtarchiv / 8 PBS VI 330)

Eine Illustration des Künstlers Erich Gruner zeigt die französische „Marianne“ im Verbund mit dem Sensenmann, und versetzt den Bombenangriff noch mit einem biblischen Motiv: „Die ‚Menschlichkeit‘ der Entente: Der Karlsruher Kindermord“, so der Titel. (Quelle: Stadtarchiv / 8 PBS VI 330)

Die deutsche Presse hatte für den Bombenangriff damals eine eindeutige Erklärung: Es hätte sich um einen gezielten Anschlag auf die Wehrlosesten gehandelt, um die Menschen zu demoralisieren, oder zumindest um einen Racheakt für einen vorangegangenen Angriff deutscher Truppen auf ein französisches Dorf. Auch der Militärhistoriker Janusz Piekalkiewicz, der in seinem dicken Bildband Der Erste Weltkrieg von moralischen Wertungen gemeinhin absieht, schreibt 1988 vom ersten „sich ausschließlich gegen die Zivilbevölkerung richtende[n] Luftangriff der Geschichte.“ Andere – und bereits der Autor des Hagenbeckschen Erinnerungshefts 1955 – sprechen eher von technischem und menschlichem Versagen: Die Piloten wären mit einem veralteten Stadtplan ausgerüstet gewesen, und die schlechten Sichtverhältnisse hätten ihr Übriges getan.

In der Tat war der Luft- und Bombenkrieg um 1916 mitnichten eine präzise Angelegenheit; noch zu Beginn des Bombenkrieges wurden Flugzeuge im Kampfeinsatz bestenfalls belächelt, und die ersten Duelle in der Luft fanden nicht zwischen Piloten mit hitzesuchenden Raketen und hochkomplexen Zieleinrichtungen statt, sondern zwischen Soldaten, die sich mit Gewehren und Handfeuerwaffen aus dem offenen Cockpit heraus beschossen. Wir sollten dies aber weniger als Entschuldigung verstehen, sondern als frühe Episode des unheilvollen Zusammenwirkens menschlicher und technischer Fehlleistungen – auch heutige Kriege kennen solche Ereignisse, in denen mangelhafte Kommunikation, Panik und die Fehleinschätzung der eigenen Zerstörungskraft zum unerwarteten Tod aus der Luft führen; entsprechende Nachrichten kommen immer wieder aus aktuellen Kriegsgebieten, und betrafen 2009 auch deutsche Soldaten. Heutzutage werden solche Vorfälle immerhin öffentlich diskutiert: eine internationale Zivilgesellschaft versucht sich gewissermaßen über die Grenzen hinweg gegen das Sonderrecht zum Töten durch den Militärapparat zu behaupten. In diesem Sinne sollten wir auch darüber nachdenken, inwiefern eine offizielle bürgerliche Gedenkkultur, die sich soweit vor allem durch Monumente im Stadtraum ausdrückt, der Episode von 1916 nicht mehr Platz einräumen müsste als den zahlreichen Denkmalen für Regimenter und Militärkompanien.

2.Von oben wirkt der Bombenkrieg wie eine Luftschau: Dieses Gemälde von Henri Farré (1871-1934) hing im Haus von Henri de Kerillis, dem Kommandanten der Staffel C 66, die im Juni 1916 Karlsruhe angriff. Dem Offizier schien daran gelegen, den Schrecken auszublenden und vielmehr die Technik der Moderne vor dem Hintergrund des absolutistischen Stadtplans zu feiern – von dem er beim Angriff, angeblich, nur eine veraltete Version besaß. De Kerillis selbst floh 1940 nach England und später in die USA, wo er 1958 verstarb; in Abwesenheit wurde er vom mit Nazi-Deutschland kollaborierenden Vichy-Regime enteignet, und so gelangte das Gemälde schließlich nach Karlsruhe. (Quelle: Städtische Galerie, Stadtarchiv / 11 DigB 163)

Von oben wirkt der Bombenkrieg wie eine Luftschau: Dieses Gemälde von Henri Farré (1871-1934) hing im Haus von Henri de Kerillis, dem Kommandanten der Staffel C 66, die im Juni 1916 Karlsruhe angriff. Dem Offizier schien daran gelegen, den Schrecken auszublenden und vielmehr die Technik der Moderne vor dem Hintergrund des absolutistischen Stadtplans zu feiern – von dem er beim Angriff, angeblich, nur eine veraltete Version besaß. De Kerillis selbst floh 1940 nach England und später in die USA, wo er 1958 verstarb; in Abwesenheit wurde er vom mit Nazi-Deutschland kollaborierenden Vichy-Regime enteignet, und so gelangte das Gemälde schließlich nach Karlsruhe. (Quelle: Städtische Galerie, Stadtarchiv / 11 DigB 163)

Augenzeugenberichte Luftangriff

Ich war am Tag vor dem 22. Juni mit meinem Vater in der Stadt. Wir waren eine große Familie, das Fleisch war damals knapp und unsere Fleischmarken waren alle. Wir klapperten alle Pferdemetzger ab. Aber vergeblich. Überall hieß es: es gibt kein Pferdefleisch. Der Zirkus hat’s für die Löwen geholt. […] Am Fronleichnam vormittags plagten wir den Vater, weil wir Buben in den Zirkus wollten. Aber mein Vater holte nur ergrimmt die leere Fleischkarte aus der Rocktasche und sagte: „Da habt ihr eure Eintrittskarte!“ (Albert Kohler, geb. 1907)

Ein Mann, der in einer ostafrikanischen Schutztruppenuniform gekleidet war, saß noch reitend auf einem Kamel. Ich sah, wie das Kamel plötzlich in die Knie sackte und der Reiter nun seitlich herunterhing. Das Kamel befand sich mit seinem Reiter zwischen dem Kassenwagen und dem Zirkuszelt. Ich vermag jedoch nicht zu sagen, ob der Kamelreiter tot war. Auf jeden Fall aber war er verletzt. Tiere vom Zirkus waren sonst keine draußen. Allerdings haben die Tiere in ihren Käfigen und Ställen furchtbar getobt und geschrien. Es war chaotisch ja man möchte sagen: infernalisch! (Albert Kohler, geb. 1907)

Ich wurde mein ganzes Leben von Bomben verfolgt. Im zweiten Weltkrieg wurde ich zweimal Totalbombengeschädigt. Als Luftwaffenangehöriger habe ich unzählige schwere Luftangriffe mitgemacht. (Albert Kohler, geb. 1907)

In der einen Hand hielt ich das zusammengefaltete Zirkusprogramm, mit der anderen Hand hielt ich meinen sechsjährigen Bruder fest, damit er mir nicht verloren ging. Wir stürmten vor nach dem Hotel Germania. Der ganze Boden war übersät mit Handtaschen, Uhren und anderen verlorenen Gegenständen. Mein Bruder zog mich zurück, er wollte unbedingt die Vorstellung des Zirkus weitersehen und war sich weder der Situation noch der Gefahr, in der wir schwebten, bewußt. (Gustav Ott, geb. 1901)

Die Feuerwehr spritzte das Straßenpflaster und die Kandelaber ab, auf denen ebenfalls menschliche Körperteile hingen. Auf der Straße war ein See von Blut. (Hermann Mayer, geb. 1905)

Wir halfen dann – ich und zwei andere Männer – ein Fräulein wegtragen, aber als ich anfaßte, um sie anzuheben da hatte ich nur den Fuß in der Hand. Der Fuß war ab und der Stumpf am Körper blutete stark und mußten wir das Fräulein wieder hinlegen und hab ich ihr mit dem Strumpf das Bein abgebunden. In dem Moment kam ein Schutzmann von der Kriegsstaße gerannt und schreit: „Wollt ihr nicht in Deckung gehen!“ Und da hab ich zu dem Schutzmann gesagt: „Du Simpel! Gucke mal dort rüber!“ Und dann haben wir zu dritt das verletzte Fräulein in die Gewerbeschule getragen. Das Fräulein hat immerzu gejammert: „Meine Mutter liegt neben dran und ist tot!“ (Martin Rohrer, geb. 1873)

Vor Beginn der Vorstellung am Fronleichnamstag 1916 kamen meine Mutter, Emilie Bock geb. Stirm und ich an die Kasse des Zirkus Hagenbeck. Es standen jedoch so viele Leute dort, daß meine Mutter mit mir wieder rüber auf die andere Seite an die Straßenecke gegangen ist. Plötzlich gab es einen Knall. Ich sagte: „Mutti! Das sind Flieger!“ Aber meine Mutter beruhigte mich mit den Worten, wie: „Nein, das sind gewiß die Elefanten, die führen ihre Kunststücke vor.“ Meine Mutter hatte mich an die Hand genommen. Kurz darauf stürzte meine Mutter vornüber zur Erde. Sie hatte einen Bombensplitter genau in das Herz bekommen, der den ganzen Körper durchschlagen hatte und auch noch den Rücken aufgerissen hatte. Aus ihrem Rücken sickerte Blut. Sie war sofort tot. (Gertrud Ochs, geb. 1908)

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