Den Greifen begreifen

Eine alte Postkarte zeigt das Leibgrenadierdenkmal vor der damaligen Hauptpost; der Europaplatz war zu dieser Zeit noch als ‚Loretto-Platz‘ bekannt, nach einer Schlacht, in der das Regiment 1915 gegen britische und französische Truppen kämpfte (Quelle: Stadtarchiv / 8 PBS oXIIIb 820).

Eine alte Postkarte zeigt das Leibgrenadierdenkmal vor der damaligen Hauptpost; der Europaplatz war zu dieser Zeit noch als ‚Loretto-Platz‘ bekannt, nach einer Schlacht, in der das Regiment 1915 gegen britische und französische Truppen kämpfte (Quelle: Stadtarchiv / 8 PBS oXIIIb 820).

Sie gehören zum Stadtbild Karlsruhes, aber genauso zum verlorenen Gedächtnis – die zahlreichen Denkmale und Skulpturen, die an die Opfer des Ersten Weltkriegs erinnern sollen, aber doch vor allem nur übersehen werden. Als Liste ergeben sie nicht nur eine Übersicht der Militärstruktur des Kaiserreichs und seiner Abteilungen, die von einer vergangenen Zeit und gerade vergehenden Formen der Kriegsführung zeugen – Leibdragoner werden wir in der Bundeswehr heute nicht mehr finden. Sie ergeben auch ein Bild der sehr unterschiedlichen Gemeinschaften, die nach 1918 ihrer Toten gedenken wollten: eben nicht nur Truppenverbände, sondern auch Stadtteile, Firmen und Vereine. Das spricht einerseits von einer Identifikation dieser Gemeinschaften mit dem schrecklichen Ereignis, das die gesamte Gesellschaft betroffen hatte; anderseits davon, wie sehr dies auch zum Alltag wurde, wenn beispielsweise die Angestellten der Brauerei Sinner vor und nach der Arbeit am Denkmal für die getöteten Firmenangehörigen vorbeigingen – auch noch, nachdem die Erinnerung an diese Toten selbst in der Folge der Generationen verloren gegangen sein muss.

Auch damals Baustelle: Der feierliche Spatenstich vor der Aufstellung des Denkmals 1925 (Quelle: Stadtarchiv / 8 PBS oXIVb 147).

Auch damals Baustelle: Der feierliche Spatenstich vor der Aufstellung des Denkmals 1925 (Quelle: Stadtarchiv / 8 PBS oXIVb 147).

Das zentral gelegenste Denkmal für die Toten des Weltkriegs stand noch vor nicht allzu langer Zeit auf dem Europaplatz: Das Leibgrenadierdenkmal, 1926 aufgestellt und von Otto Gruber und Ernst Valentin Gutmann entworfen. Auf einem ca. 20 Meter hohen Granitpfeiler stand hier ein Greif aus Bronze, ein Fabelwesen aus der Antike, das seit dem 19ten Jahrhundert das badische Wappen schmückte. Auch heute sehen wir ihn noch auf dem amtlichen Wappen Baden-Württembergs, das er – ihm gegenüber nun der Hirsch Württembergs – stützt; kein willkürliches Fabeltier also, sondern eines, das das Land repräsentiert und so auch die Rolle der toten Soldaten hervorhebt: schließlich handelt es sich mit den Leibgrenadieren nicht um einfache Rekruten, sondern gewissermaßen um die ‚Garde‘ des Großherzogtums. Vor dem Ersten Weltkrieg stellte das Regiment mitunter die Schlosswache. Der Entwurf von Gruber und Gutmann setzte sich in einem Wettbewerb gegen gut 60 weitere Entwürfe durch. Gruber und Gutmann waren keine bildenden Künstler, sondern Architekten; Gruber verlies später Karlsruhe und ging an die RWTH Aachen, wo er als Rektor unter den Nazis eine eher zwielichtige Rolle spielte. Von ihm sind so einige architekturhistorische Schriften erhalten – zu Bauernhäusern beispielsweise. 1914 skizziert Gruber eine monumentale, aber mit ihren hohen Walmdächern dennoch sonderbar rustikal wirkende Technische Hochschule – schwer, bei diesem Entwurf nicht an die Formen von Philipp Jakob Manz‘ Munitionsfabrik aus den gleichen Jahren zu denken, in der heute Städtische Galerie, ZKM und HfG untergebracht sind.

Projektentwurf zu einer Technischen Hochschule (Seitenansicht) von Otto Gruber, 1914 (Quelle: Stadtarchiv / 8 BA Schmeiser 10023)

Projektentwurf zu einer Technischen Hochschule (Seitenansicht) von Otto Gruber, 1914 (Quelle: Stadtarchiv / 8 BA Schmeiser 10023)

Wieso an dieser Stelle diese Details? Gemeinhin verhandeln wir historische Denkmale nicht als Kunstwerke, deren Autorschaft erwähnenswert wäre, aber Mémoires perdues soll auch einen Anlass bieten, unser Verständnis von Kunst im öffentlichen Raum in einen historischen Zusammenhang zu stellen. Der Wettbewerb für das Denkmal beschränkte sich damals auf Architekten und Bildhauer aus Karlsruhe, oder diejenigen, die selbst einst bei den Leibgrenadieren gedient hatten. Auch Otto Gruber kannte den Krieg aus eigener Erfahrung; als Offizier hatte er zwei Eiserne Kreuze heimgebracht. Hätte er eine andere Form für das Denkmal gesucht, wenn er den Krieg nicht erlebt hätte? Wäre er freiwillig in den Krieg gezogen, wenn er nicht zuvor eine offensichtliche Begeisterung für die (Bau-)Kultur seiner badischen Heimat entwickelt hätte? Sicherlich trug Gruber ein Weltbild mit sich, das durch die Kaiserzeit geprägt war und durch die Formen und Erzählungen, mit deren diese ihre Ideologie vermittelte: ein Greif hatte darin Bedeutung, die er heute nicht mehr hat. Als bildender Künstler im weitesten Sinne bestimmte Gruber aber auch mit, wie dieses Weltbild in Erscheinung trat: über zwanzig Meter hoch, aus Granit und Bronze.

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