Bilder gegen Bilder

Bereits der Titel unseres Projekts deutet an, dass wir den „Großen Krieg“ nicht als eine „Große Erzählung“ wiedergeben wollen. Der erste Weltkrieg, ob nun in Karlsruhe oder anderswo, lässt sich nicht in ein paar Sätzen zusammenfassen; zu verworren sind die – oft weit zurückreichenden – geschichtlichen Zusammenhänge und die endlosen Ketten an diplomatischen und militärischen Fehlentscheidungen oder Ausweglosigkeiten. Das sinnlose, millionenfache Sterben auf den Schlachtfeldern zwang auch die europäische Geisteswelt zum Umdenken – welche ‚Heldengeschichte‘ lässt sich noch erzählen, wenn ein derart gewaltiger Konflikt sich im stumpfen Warten auf einen zufälligen Tod durch Granatsplitter oder Gaswolken niederschlägt?

Jacob Birken organisiert im Auftrag des Kulturbüros Karlsruhe das Projekt Mémoires Perdues für die Europäischen Kulturtage 2014. Nach einem Studium an der Hochschule für Gestaltung arbeitete er unter anderem am ZKM und war Co-Kurator am Kunstraum: Morgenstraße (Photo: Joe Miletzki)

Jacob Birken organisiert im Auftrag des Kulturbüros Karlsruhe das Projekt Mémoires Perdues für die Europäischen Kulturtage 2014. Nach einem Studium an der Hochschule für Gestaltung arbeitete er unter anderem am ZKM und war Co-Kurator am Kunstraum: Morgenstraße (Photo: Joe Miletzki)

Wenn Weltgeschehen zu Geschichte oder einer Erzählung verdichtet wird, spielt natürlich die Perspektive eine wichtige Rolle. Wird der Erste Weltkrieg lediglich als Geschichte von verfeindeten Nationen und ihren herrschaftlichen und militärischen Vertretern – Kaisern, Monarchen, Generälen – vermittelt, werden die Schicksale der Unzähligen, die ebenso dadurch betroffen waren, bewusst ausgelassen. Diese für die Geschichtsbücher ‚Namenlosen‘ sind nicht nur die Soldaten an den Fronten, sondern auch die Frauen, die in Städten wie Karlsruhe sowohl Alltag wie Kriegsvorbereitung aufrechterhalten mussten; es sind die zufälligen zivilen Opfer des zunehmend technisierten, aus der Ferne gelenkten Kriegs; es sind ebenso diejenigen, die in den europäischen Kolonien stellvertretend für ihre imperialistischen Besatzer kämpften und starben. Eine Geschichtsschreibung, in der die Schicksale dieser Menschen nicht ‚zählen‘ oder bestenfalls in einer Fußnote untergebracht werden, spiegelt auch die Geisteshaltung wieder, die für den Ausbruch des selbst Krieges wichtig war: der oder die Einzelne spielt gegenüber den abstrakten Idealen von Volk und Nation oder den entsprechenden Führerfiguren keine Rolle. Wenn wir uns von diesem Denken trennen wollen, müssen wir andere Zugänge finden, um Geschichte zu vermitteln – der Feminismus oder die Postkoloniale Kritik haben in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen, nicht nur bestimmte ‚Blinde Flecken‘ zu füllen, sondern auch die jeweilige ‚Blindheit‘ als eine Ausübung von Macht und zumindest indirekter Gewalt anzuklagen. Zeitgenössische Kunst ist eine wichtige Plattform, von der aus wir solche Diskussionen führen können: Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich nicht nur mit historischen Inhalten, sondern mit der Art, auf welche wir Geschichten und Bilder verwenden; sie haben die Freiheit, uns zu verunsichern – nicht notwendigerweise darüber, ob nun etwas wahr und wichtig ist, sondern darüber, warum uns Bilder und Geschichten etwas als wahr und wichtig erscheinen lassen.

Der Begriff der ‚Repräsentation‘ trifft gut, was hier zur Debatte steht: Es geht nicht alleine darum, dass ein Kunstwerk, ein Text, ein Bild oder eine Handlung etwas darstellen, sondern dass sie im politischen Sinne dafür einstehen; das Reiterstandbild ist eben nicht nur eine Darstellung das Kaisers oder eines anderen Mächtigen, sondern soll seine Herrschaft über das Volk gleichsam in den Stadtraum hineintragen. Bestimmte Formen der Repräsentation sind mit spezifischen Gesellschaftsformen verbunden; Angela Merkel oder Gerhard Schröder aus Bronze werden wir heute kaum auf einem öffentlichen Platz aufgesockelt finden. Andere Formen – wie Mahnmale – sind weiterhin Teil öffentlicher Kultur, doch auch hier wandelt sich mit der Zeit, wessen gedacht werden soll, und wessen Name in einer demokratischen Gesellschaft eher nicht aufs Straßenschild gehört. Zeitgenössische Kunst ist zu einem gewissen Grad von den Normen gesellschaftlicher Repräsentation befreit; sie kann alte Formen kritisch aufgreifen oder die aktuellen aus einer imaginierten Zukunft betrachten – Kunst verwandelt die (oft nicht nur metaphorisch) in Stein gemeißelte Sphäre öffentlicher Erzählungen und Bilder in ein flüchtiges, geisterhaftes Reich der Möglichkeiten. Dieses Reich ist nicht darauf angelegt, eine neue „Große Erzählung“ hervorzubringen, die nun die Texte der Geschichtsbücher überschreiben wird – es bleibt aber der beste Ort, um vergessenen Erinnerungen nachzuspüren.

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