Colonial Omissions: Film & Vortrag

Der Film

Es ist August 1914 und Kriegserklärungen werden in Europa ausgesprochen. In der Kolonie Deutsch-Ostafrika ist Paul von Lettow-Vorbeck Kommandeur einer kleinen Garnison deutscher und afrikanischer Soldaten und möchte Initiative ergreifen. Er ignoriert die Befehle aus Berlin und die des Gouverneurs der Kolonie Heinrich Schnee, Deutsch-Ostafrika zu neutralisieren. Über vier Jahre gelingt Lettow-Vorbeck und seiner deutsch-ostafrikanischen Armee der Widerstand gegen die viel größere Streitmacht aus britischen, belgischen und portugiesischen Truppen, bis er 1918 infolge des Waffenstillstandes unbesiegt kapituliert. Bis in die BRD gilt Lettow-Vorbeck als heldenhafte Figur, heute wird er von Historikern kritisch betrachtet.

In sieben Kapiteln begleitet der Film chronologisch den Kampf der deutsch-ostafrikanischen Armee aus der Sicht der Hauptfigur, die vom Regisseur Christian Doermer gespielt wird. Für Christian Doermer entwickelt sich die eigene Arbeit an diesem Film zu einem vierjährigen Leidensweg, der Produktionszeit und -aufwand des ursprünglichen ZDF-Auftrags weit überschreitet. Momente der Verzweiflung am Filmprojekt oder der Reflektion über die Bedeutung der Kolonialgeschichte für die Gegenwart baut Christian Doermer als Brüche in die Filmerzählung mit ein. Dabei bleibt die Position des Films gegenüber dem General stets mehrdeutig. Der Film zeigt einen persönlichen Umgang mit dem historischen Stoff und den Versuch, die Kolonialzeit als nicht abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte darzustellen.

„Lettow-Vorbeck. Der Deutsch-Ostafrikanische Imperativ“. BRD 1984, Christian Doermer
17. Mai, 21.15 Uhr, Studio 3 Kinemathek Karlsruhe, Eintritt 6 Euro

Eine Askari-Abteilung bei Schießübungen in Deutsch-Ostafrika.

Eine Askari-Abteilung bei Schießübungen in Deutsch-Ostafrika.

Der Vortrag

„Wahrlich im Felde unbesiegt“: Die Legende eines Kriegers
Eines der wenigen erhaltenen Filmdokumente aus deutschem Kolonialgebiet zeigt den Kampf der „Schutztruppe“ in Ostafrika von 1914 bis 1916, ein Kampf, der in einem der ersten nationalsozialistischen Propagandafilme, Herbert Selpins „Die Reiter von Deutsch-Ostafrika“ (1934) wieder auflebt. Und noch die Heldin des ZDF-Kolonialmelodrams „Afrika, mon amour“ (2007) gerät zwischen die Fronten dieses Krieges. Als dessen Kriegsherr, der General Paul von Lettow-Vorbeck, im März 1964 mit allen militärischen Ehren bestattet wird, ist das Anlaß für die erste kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus in Fernsehen, Ralph Giordanos Dokumentation „Heia Safari. Die Legende von der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika“ (1966/67) – aber die Legende eines Kriegers, der mit dem Kolonialismus nichts zu tun hatte und der sich ehrenvoll gegen einen vielfach stärkeren Gegner behauptet hat, bleibt lebendig. Christian Doermer hat sich daher, eineinhalb Jahrzehnte nach Giordano, mit anderen Mitteln dem ostafrikanischen Kriegsspiel angenähert: weniger mit dem Wissen des Historikers, sondern als Spiel-Filmemacher, der die Reinszenierung vergangenen Geschehens als Erfahrungsprozeß versteht.

Wolfgang Struck, Literatur- und Filmwissenschaftler, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Erfurt.

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