Colonial Omissions: Ausstellung

Als Teil des zweitägigen Programms COLONIAL OMISSIONS nähert sich die Ausstellung im U-Max des Prinz-Max-Palais zunächst aus Perspektive der Stadtgeschichte der Frage nach der heutigen Bedeutung des Kolonialismus. Die Ausstellung bringt Arbeiten von aktuellen und ehemaligen Studenten der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG) zusammen: Lisa Bergmann, Rania Gaafar, Wataru Murakami, Elke Reinhuber, Natalia Schmidt und Karolina Sobel (u. a. Klassen Armin Linke/Michael Clegg und Isaac Julien). Die Künstler haben sich zunächst auf eine Recherche begeben, ausgehend von folgenden Fragen: Was ist die Verbindung zwischen der Stadt Karlsruhe und der Geschichte des Kolonialismus? Welche Menschen, Ereignisse und Orte waren und sind von dieser Geschichte geprägt?

Postkarte von der Jagdausstellung 1903. Quelle: Stadtarchiv / 8_PBS_oXII_195

Postkarte von der Jagdausstellung 1903.
Quelle: Stadtarchiv / 8_PBS_oXII_195

Ein Kernthema in der Auseinandersetzung der ausgestellten Arbeiten ist die Deutsch-Koloniale Jagdausstellung, die 1903 von der Deutschen Kolonialgesellschaft für ihre Hauptversammlung in Karlsruhe veranstaltet wurde. Diese wurde vom Naturkundemuseum organisiert und zeigte neben Jagdtrophäen von Kolonialherren wie dem damaligen Gouverneur von Deutsch-Ostafrika Herrmann von Wissmann auch ethnographische und naturwissenschaftliche Exponate, wobei diese zum Teil nicht von Wissenschaftlern, sondern von Händlern zusammengebracht wurden (u.a. die beiden durch Verwandtschaft verbundenen Firmen Umlauff und Hagenbeck). Wichtig war auch der offensichtlich gewerbliche Teil der Ausstellung, unter anderem mit einem Saal für den Verkauf von Kolonialwaren und einem inszenierten Tropenlager der Firma Tippelskirch. Für die Kolonialgesellschaft war eines der Hauptziele dieser großangelegten Ausstellung die Förderung des Interesses für die Kolonien unter der normalen Bevölkerung. Laut dem Endbericht der Ausstellung blieben die Besucherzahlen in den ersten Wochen jedoch hinter den Erwartungen zurück. Erst als die Eintrittspreise herabgesetzt wurden und ausgestopfte Riesenaffen zu den Exponaten hinzutraten, wurde der Andrang allmählich größer.

Ausstellungsansicht. Projektion von Lisa Bergmann. Photo: Karolina Sobel

Ausstellungsansicht: Eine Jagdausstellung in Karlsruhe von Lisa Bergmann. Photo: Karolina Sobel

Das Vorhaben der Kolonialausstellung – nur eine von vielen solcher Ausstellungen in Deutschland und Europa zur Kolonialzeit und darüber hinaus, wie beispielsweise in Stuttgart 1928) – vereinte mehrere Aspekte, die rückblickend als für das gesamte deutsche koloniale Unternehmen charakteristisch betrachtet werden können. Das Bestreben, Gebiete in Übersee für die deutsche Nation zu erwerben, erfüllte zunächst repräsentative Zwecke. Der junge Carl Peters war im Zuge seines Aufenthalts im viktorianischen London zur Überzeugung gelangt, in Afrika Land erwerben zu wollen und somit für Deutschland einen dem der Nation gemäßen imperialen Glanz zu erzielen. In einer von vielen Diskussionen zur Legitimität der Kolonien im Deutschen Reichstag lieferte noch 1897 der damalige Staatssekretär Bernhard von Bülow die bekannte Begründung, Deutschland wolle seinen „Platz an der Sonne“ behaupten. Wie in der Karlsruher Kolonialausstellung ersichtlich wurde, spielten einzelne Firmen eine wichtige Rolle als Verfechter der kolonialen Unternehmung. Zwar brachte der Zugang zu Rohstoffen in den Kolonien für den deutschen Staat nicht den erhofften wirtschaftlichen Ertrag, doch erzielten einzelne Firmen, teils durch Monopolstellung, erhebliche Gewinne und setzten sich dementsprechend vehement für den Ausbau der Schutzgebiete ein. In der Jagdausstellung trat zudem ein wissenschaftlicher Anspruch sowohl in der Präsentation von ethnographischen Exponaten zu den Jagdbräuchen einzelner Kolonialgebiete als auch von exotischen Tierpräparaten zutage. Die Naturwissenschaften und die Ethnologie waren im 19. Jahrhundert maßgeblich daran beteiligt, den Weg für den Kolonialismus frei zu machen. Bis ins 20. Jahrhundert verliehen die bekanntgemachten Expeditionen von Ethnologen wie Leo Frobenius der Erschließung neuer Länder, ihrer Natur und Kultur den Charakter aufklärerischer Dringlichkeit und Notwendigkeit.

Installation von Karolina Sobel. Photo: K. Sobel

Karolina Sobel: Familienalbum. Photo: K. Sobel

Wie die Kolonialausstellung war auch die Zeit der deutschen Kolonialherrschaft letztlich begrenzt. Nichtdestotrotz arbeitete die Deutsche Kolonialgesellschaft auch nach dem durch den Versailler Vertrag erzwungenen Verlust der deutschen Kolonien an der Verbreitung de Kolonialgedankens weiter und war am Kolonial-Revisionismus im dritten Reich beteiligt, bis sie 1945 aufgelöst wurde. Indessen hielt sich die Begeisterung für die Kolonien in der breiten Bevölkerung schon während der Kolonialzeit durchaus in Maßen. Die Entrüstung über die sogenannte Koloniallüge (die Anmaßung durch die Siegermächte, Deutschland wäre nicht in der Lage gewesen, die Kolonien zu verwalten) ließ in Verbindung mit der Dolchstoßlegende dieses Interesse nach Ende des Ersten Weltkriegs für kurze Zeit wieder aufflammen, wobei es bald wieder nachgab. Ein Gesichtspunkt blieb im kolonialen (Selbst-)Bild der Deutschen stets außen vor: die Interessen und Perspektiven der einheimischen Bevölkerungen. Die Kolonialkriege sorgten zwar aus wirtschaftlichen Gründen in der Heimat für politischen Widerstand, doch gab es gegen die Unterdrückung und teilweise Ausrottung der Bevölkerungen nur vereinzelt Protest. Ein Zusammenspiel aus Desinteresse und Amnesie prägt noch heute die Erinnerung an die Kolonialzeit. Dies lässt sich daran zeigen, dass der Völkermord an den Herero und Nama (1904 –1908) bis heute von der Deutschen Regierung nicht offiziell anerkannt worden ist.

Objekt von Wataru Murakami. Foto: Karolina Sobel

Wataru Murakami: Still Life (Deutsch-Kolonial Jagdausstellung 1903/SMNK). Foto: Karolina Sobel

In der Ausstellung COLONIAL OMISSIONS stellen Lisa Bergmann und Wataru Murakami die Jagdausstellung in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung. Sie befragen damalige Repräsentationsstrategien und die Kontinuität zur heutigen musealen Praxis. Elke Reinhuber setzt sich in ihrer Arbeit wiederum mit der Frage nach dem Nachhall der Kolonialgeschichte in Lokallegenden auseinander. Sie deutet auf die Erzählung hin, wonach, wegen der vermeintlich tropenähnlichen klimatischen Bedingungen am Oberrhein, in Karlsruhe ein Stützpunkt der Schutztruppen gelegen haben soll, und befragt somit das Zusammenspiel von Fakt und Fantasie in der Erinnerung an die Kolonialzeit. Auf der Ebene der Microhistory und Oral History nähert sich Karolina Sobel über Gespräche mit Nachfahren und der Auseinandersetzung mit Familienalben den Perspektiven von Menschen, die über die Missionsarbeit oder das Militär den Weg in die Kolonien fanden. Natalia Schmidt verweist mittels eines Licht- und Schattenspiels auf den Aufstand der Herero und Nama im heutigen Namibia und zeichnet dabei eine materielle Verbindung zur Munitionsfabrik in Karlsruhe nach. Zuletzt steuert Rania Gaafar einen schriftlichen Beitrag mit einer Analyse des Films „The Halfmoon Files“ (2007) von Philip Scheffner bei. Dieser verarbeitet Tonaufnahmen von nichteuropäischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg im Namen europäischer Staaten gekämpft hatten. Im Berliner Halbmondlager wurden die Stimmen der Soldaten von deutschen Ethnologen aufgezeichnet, womit sie erneut unfreiwillig einem europäischen Bestreben ausgesetzt wurden.

 

Ausstellungsansicht mit Installation von Natalia Schmidt. Foto: Karolina Sobel

Ausstellungsansicht mit Installation M 8 x 57 IS von Natalia Schmidt. Foto: Karolina Sobel

Das Prinz-Max-Palais bietet einen symbolisch bedeutsamen Ort für die Ausstellung und den Themenabend. Das Gebäude wurde 1884, im selben Jahr als die offizielle Kolonialherrschaft in Afrika begann, vom Unternehmer August Schmieder als Villa für seinen Ruhestand fertiggestellt. Nach seinem Tod erwarb Prinz Max von Baden das Anwesen und zog 1900 dort ein. Der letzte Thronfolger des Großherzogtums Baden war von Oktober bis November 1918 einen Monat lang der letzte Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs und begleitete somit gleichsam den Untergang des Deutschen Reichs und das chronologische Ende der deutschen Kolonialzeit.

„Was wäre, wenn Deutschland heute noch Kolonien hätte? Von der kurzen deutschen Episode im Imperialismus blieb im Vergleich zu den großen Kolonialmächten wenig übrig: in Tsingtau das Bier, in Namibia und der Südsee Überbleibsel deutscher Sprache und Häuser im Stil der Gründerzeit sowie das Usambaraveilchen im Vorgarten. Doch in Deutschland selbst scheint es fast, als hätte es diese Kolonien nie gegeben.“ (Elke Reinhuber)

„Was haben die Betrachter der Jagdausstellung 1903 gesehen und erfahren? Was sieht der Besucher im jetzigen Naturkundemuseum? Gibt es eine Art der Sehnsucht? Welche Faszination hegen wir für exotische Objekte? Wie haben sich die Vorgehensweisen des Museums geändert, welche Ziele verfolgen die Wissenschaftler heute mit ihren Sammlungen und Ausstellungen? Worin besteht für sie die Faszination ihrer Arbeit?“ (Lisa Bergmann und Wataru Murakami)

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